Prof. Dr. Josef Schmid


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Gerhard-Mackenroth-Archiv für Bevölkerungssoziologie

Gerhard Mackenroth

Gerhard Mackenroth

14.10.1903 Haale/Saale - 17.03.1955 Fallingbostel

Gerhard Mackenroth war einer der bedeutendsten deutschen Ökonomen und Soziologen im letzten Jahrhundert. Nach Studium der Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Statistik und Philosophie an den Universitäten Leipzig, Berlin und Halle errang er ein Rockefeller-Stipendium, das ihn zwischen 1928 und 1931 nach Stockholm, London und Cambridge führte. Nach anfänglicher Dozententätigkeit in Halle und Marburg wurde er 1934 a.o. Professor für Wirtschaftswissenschaft und Statistik an der Universität Kiel. 1939 erfolgte seine Einberufung zur Wehrmacht, aufgrund deren er auch seine Berufung 1941 an die Reichsuniversität Straßburg praktisch nicht realisieren konnte. Nach Kriegsende und amerikanischer Kriegsgefangenschaft kehrte er nach Kiel zurück – alleine, weil seine Frau und seine drei kleinen Kinder in der Dresdner Bombennacht des Februar 1945 ums Leben kamen.
Mackenroths Karriere fiel zeitlich mit dem Beginn der Herrschaft des Nationalsozialismus zusammen. Seinen Eintritt in den NS-Dozentenbund 1933 begründete er mit großen Hoffnungen im Hinblick auf die wirtschaftlichen Katastrophen der Zwischenkriegszeit und einem Misstrauen gegen die liberalistische Wirtschaftsordnung, der er die Weltwirtschaftskrise anlastete, und die nun einer wahren „Volkswirtschaft“ zu weichen schien. Zudem wirkte in ihm und in vielen seiner Generation ein nationaler, romantischer Idealismus der Jugendbewegung nach. Beides schildert er in Briefen an seinen Freund aus Stockholmer Tagen, Gunnar Myrdal, später Nobelpreisträger und – nach amerikanischem Zeugnis - der einflussreichste Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Mackenroth verbrachte die NS-Zeit in gehöriger Distanz zum Regime. Er wandte sich stark hin zur verstehenden Soziologie im Sinne von Dilthey, Max Weber, Werner Sombart und Alfred Schütz, zum deutschen Begriff einer Kulturwissenschaft und eines historisch-soziologischen Denkens, die ihn von Naturalismen und Rassismen des Zeitgeistes ferngehalten haben. 1948 erlangte Mackenroth an der Universität Kiel ein Ordinariat für Soziologie, Sozialwissenschaft und Statistik. Seine zentralen Forschungsgegenstände waren Wirtschaftsordnung und ihre Sozialverflechtungen, Wirtschaftsstile und der Wandel der Sozialstrukturen. Die „immanente Strukturiertheit der Sozialwelt“ und die Einbettung ihrer Teile wie Wirtschaft, Familie, Bildung und Bevölkerung ist letztlich das Erkenntnisziel der Sozialwissenschaft. Gerade in den Sozialstrukturen wurzelt die Bevölkerungsstruktur und wird von ihnen geformt. Bevölkerung führt kein biologisches Dasein außerhalb des Sozialen. Dieser Grundsatz führte zu einer Bevölkerungssoziologie, die Mackenroth, unter Mitarbeit seines Assistenten Karl Martin Bolte, 1953 zur "Bevölkerungslehre" ausbaute. Es ist als das letzte große Werk deutscher historischer Soziologie zu betrachten. Mit universalistischem Anspruch werden auch die "generativen Strukturen" der Entwicklungsländer einbezogen, was der Fundus des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel möglich machte. Mackenroth verehelichte sich wieder mit einer jungen Kriegerwitwe, Frau Ursula Maria Teichmann, geborene Andrasch, die drei Kinder in die Ehe brachte und zu denen noch zwei eigene Söhne hinzukommen sollten.

Sein Bildungsgang und sein Horizont lassen Mackenroth als den wohl letzten enzyklopädischen Geist der Sozialwissenschaft erscheinen, der auch noch seine eigene Statistik-Vorlesung hielt. Karl Martin Bolte erinnert sich an ein Seminar über aktuelle Zeitfragen, das sich über mehrere Semester erstreckte und dem Zweck diente, "nach den Katastrophen des Kriegsendes und den damit verbundenen ‚Umbrüchen’ wieder Fuß zu fassen, Gott, die Welt und sich selber neu zu begreifen. Er rang im Diskurs mit uns um Antwort auf Fragen, die auch uns existentiell beschäftigten. Durch diese Offenheit und menschliche Nähe übte er eine große Faszination auf mich und andere aus. Längerfristige und später öffentlich bekannte Seminarteilnehmer waren u. a. Gerhard Stoltenberg (Ministerpräsident und Bundesminister, CDU) sowie Jochen Steffen (ein bekannter SPD-Politiker).“

Hier wäre noch der Mackenroth-Habilitand Karl Schiller zu nennen, der 1971-72 ein bis heute unvergessener Bundeswirtschaftsminister (SPD) war.

Die letzten Jahre verbrachte Mackenroth rastlos, initiierte über die DFG noch Forschergruppen mit Themen, die mit dem neu errichteten Sozialstaat Bundesrepublik eng zu tun haben. Er plädierte für einen Generationenvertrag, ein Umlageverfahren zur Alterssicherung der aus dem Erwerbsleben scheidenden Generation, nicht ohne die Familien für die Hervorbringung und Erziehung des Nachwuchses gleichgewichtig entschädigt zu sehen. In der 1957 durch Adenauer eingeführten Dynamischen Rente ist noch die Handschrift des 1955 verstorbenen zu erkennen. Der so plötzlich verwaiste Lehrstuhl in Kiel wurde durch Helmut Schelsky vertreten. Er führte die Habilitation der Assistenten Erik Boettcher und Karl Martin Bolte zu Ende. Während Boettcher als Wirtschaftswissenschaftler nach Münster ging, kam Bolte über Forschungsaufenthalte in den USA und Professuren in Hamburg 1964 als Ordinarius für Soziologie nach München – im Gepäck die Bevölkerungssoziologie, die – einige Zeit brachliegend – dem Assistenten Josef Schmid anvertraut wurde. Nach einschlägiger Habilitation konnte Schmid 1980 den ersten Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft, errichtet an der Universität Bamberg, einnehmen.

Anlässlich des 1983 in Bamberg abgehaltenen Mackenroth-Kongresses war es eine ehrenvolle Überraschung, als die anwesende Frau Ursula Maria Mackenroth sich bereit erklärte, den Nachlass ihres Mannes an Prof. Josef Schmid zu übergeben. Damit konnte dankenswerterweise ein „Mackenroth-Archiv“ eingerichtet werden, das Prof. Schmid nun als Emeritus weiter betreut.

Literatur

  • Gerhard Mackenroth, Bevölkerungslehre – Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung, Berlin 1953
  • Josef Schmid (Hrsg.), Bevölkerungswissenschaft – Die "Bevölkerungslehre" von Gerhard Mackenroth – 30 Jahre danach (Mit Beiträgen von Karl Martin Bolte, Hans Linde, Alfred Sauvy, Wolfgang Köllmann, Bert van Norren, David Eversley, Vladimir Trebici und Josef Schmid), Campus-Forschung, Frankfurt/M, New York 1985
  • Karl Martin Bolte, Wie ich Soziologe wurde, In: Christian Fleck (Hrsg.), Wege zur Soziologie nach 1945 – Autobiographische Notizen, Opladen 1996, S. 141-159
  • Erik Boettcher (Hrsg.), Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik – Gerhard Mackenroth zum Gedächtnis von seinen Freunden und Schülern, Tübingen 1964

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